Viele Häftlinge überleben SS-Todesmarsch nicht


Rottenburg-Ergenzingen (kra). Als Zeitzeuge des Holocaust war der Israeli David Salz in der Mensa der Gemeinschaftsschule zu Gast. Der 84-Jährige, der jedes Jahr nach Deutschland kommt, erzählte über die Greuel der NS-Zeit und von seinem Schicksal.

Er empfinde keinen Hass und er wolle keine Schuldgefühle wecken, meinte Salz vorab, aber das Erlebte nehme ihn immer wieder stark mit. Den Schülern ging es nicht viel anders. Jedenfalls war es während der Erzählung des Holocaust-Überlebenden so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.

David Salz, 1929 in Berlin geboren, erzählte von seiner Kinderzeit, von seinem Vater, der 1936 von der Gestapo verhaftet und an Weihnachten 1939 in der Haft erschossen wurde, weil er Jude war. Von seiner Mutter, die bei Siemens Zwangsarbeit verrichten musste und die dann 1943 eines Tages nicht mehr von der Arbeit zurückkehrte.

Er sei damals 13 Jahre alt gewesen, als er sich auf die Suche nach seiner Mutter begeben habe und letztlich bei der Gestapo gelandet sei, so Salz. Dort habe man ihn geschlagen und in eine dunkle Zelle gesteckt. "Wir schicken dich zu deiner Mutter", habe man ihm gesagt. Seine Mutter habe zu diesem Zeitpunkt allerdings schon nicht mehr gelebt. Man habe sie tags zuvor nach Auschwitz gebracht und direkt nach der Ankunft vergast, wie er später erfuhr.

Er selbst wurde kurze Zeit später ebenfalls nach Auschwitz deportiert. Dort habe man selektiert. "Ältere Frauen und Kinder kamen auf die eine Seite, die jüngeren auf die andere. Es ging dann in die Waschräume, dort wurden wir kahl geschoren und bekamen eine Nummer eintätowiert", so Salz, der ergriffen resümierte: "Man hat uns jede Würde genommen".

Bei einem Appell habe er angegeben, dass er 17 Jahre alt und Elektriker sei. Das habe ihn wohl vor dem Schlimmsten bewahrt und er wurde in das KZ Buna/Monowitz verlegt.

Schnee lindert denschlimmsten Durst

Zwei dort ebenfalls Inhaftierte, der Blockwart Markowitsch und der Schneider Kowalski (zuständig für die SS-Uniformen), seien dann zu "Schutzengeln" geworden, indem sie ihm zusätzliche Verpflegungsrationen zukommen ließen und ihn gleichzeitig vor den schlimmsten "Kapos" in Schutz nahmen.

Am 18. Januar 1945 ging es für Salz auf den sogenannten "SS-Todesmarsch", den die 10 000 ausgemergelten Häftlinge vom KZ Buna/Monowitz über 60 Kilometer nach Gleiwitz absolvieren mussten. Von dort ging es auf offenen Güterwaggons nach Nordhausen. Es gab keine Verpflegung und nur Schnee, den man während der Fahrt mit einer Blechbüchse an einem Stock sammelte – das linderte den schlimmsten Durst.

"Neun Tage dauerte die Fahrt und am Schluss sind wir auf Leichen gesessen", erzählte Salz, dem während der Bombardierung durch die Alliierten die abenteuerliche Flucht aus dem Lager Nordhausen gelang. Das antisemitische Denken in der Bevölkerung zwang ihn, sich im Wald zu verstecken, bis er eines Morgens völlig entkräftet auf amerikanische Truppen stieß.

Er kam in ein Militärhospital, das später von den Russen übernommen wurde und kehrte nach seiner Genesung nach Berlin zurück.

1946 emigrierte Salz nach Palästina, da er es nicht ertragen konnte, dass ehemalige Nazi-Funktionäre nach und nach auf alte Posten zurückkehrten. In seiner neuen Heimat arbeitete er 43 Jahre lang tatsächlich als Elektriker.

Im ersten Auschwitz-Prozess (1964) trat er als Zeuge auf. Heute lebt David Salz als Witwer in Israel und kämpft darum, die deutsche Staatsangehörigkeit wieder zu bekommen. Das Bundesverwaltungsgericht lehnte seinen Antrag ab, da es nicht als erwiesen sah, dass David Salz nach 1945 die deutsche Staatsbürgerschaft besessen habe.

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